Andreas Wenzel

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Reden

Reise ins Innere der Kristalle: Eröffnungsrede von Dr. Jürgen Buchmann zur Vernissage der Ausstellung in der Galerie im Rathaus der Stadt Spenge am 20. Januar 2008.

»Diese ganze sichtbare Welt ist nur ein unmerklicher Strich im weiten Schoß der Natur. Keine Vorstellung reicht daran heran. Umsonst blähen wir unsere Fassungskraft auf, über die vorstellbaren Räume hinaus: Wir gebären nur Atome, gemessen an der Wirklichkeit der Dinge. Sie stellt eine unendliche Kugel dar, deren Mittelpunkt überall, deren Umfang nirgends ist. ... Was ist der Mensch im Unendlichen? Doch um ihm ein anderes, ebenso er-staunliches Wunder vor Augen zu stellen: Er forsche in dem, was er kennt, auch den feinsten Dingen. ... Ich will ihn darin einen neuen Abgrund schauen lassen. Ich will ihm nicht allein das sichtbare All darstellen, sondern auch die Unermesslichkeit der Natur, die man in den Grenzen .... eines Atoms erfassen kann. ... Wer sich ... zwischen diesen beiden Abgründen des Unendlichen ... gehalten sieht, wird ... im Anblick solcher Wunder er-schauern; und ich glaube, wenn seine Spählust in Bewunderung umschlägt, wird er eher geneigt sein, sie schweigend zu betrachten, als ihnen in Anmaßung nachzuspüren.«

Die berühmt gewordenen Worte, die Sie eben in einem Auszug gehört haben, finden sich in den Pensées Blaise Pascals, einer Sammlung von Reflexionen, die 1669 veröffentlicht wurden. Pascals Gedanken sind nicht allein durch Theologie und Metaphysik inspiriert; sie spiegeln auch den Fortschritt der Naturwissenschaft seiner Zeit. Schon 1590 hatte Zacharias der Öffentlichkeit das erste Mikroskop vorgestellt, im Jahr 1608 war das Fernrohr Lippersheys gefolgt. Einer der frühesten Blicke durch eine verbesserte Kopie dieses Fernrohrs ist uns durch Galileo Galileis Sidereus Nuntius, die Sternenbotschaft aus dem Jahr 1610 überliefert: »Wahrhaft Großartiges«, schreibt Galilei,

»unterbreite ich in dieser kurzen Abhandlung (...) zur Anschauung und Betrachtung. Großartig, meine ich, zum einen wegen der Erhabenheit des Gegenstandes, zum andern wegen der bislang unerhörten Neuigkeit und schließlich wegen des Instruments, durch dessen Hilfe es sich unseren Sinnen offenbart hat.«

Wissenschaftliche Neugier und religiöser Affekt bilden für Galilei keine Gegensätze. Er schildert seinen Blick auf den Mond, dessen kraterbesäte Oberfläche er als erster Mensch betrachtet; die unermessliche Sternenflut der Galaxis, die sich ihm aufgetan hat, und den Reigen der vier Traban-ten des Jupiter, ein märchenhaftes, niemals zuvor erschautes Sonnensystem im kleinen. Angesichts dieser Wunder ruft der Physiker aus,

»Und all das wurde vor nunmehr wenigen Tagen mithilfe eines von mir nach Erleuchtung durch die Gnade Gottes erdachten Sehglases entdeckt und beobachtet.«

Vom ersten Blick durchs Mikroskop dagegen wissen wir nichts. Doch ich erinnere mich, wie Andreas Wenzel mich selber zum ersten Mal durch sein Polarisationsmikroskop schauen ließ, ein Präzisionsinstrument der Firma Leitz aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, das mit dem geschliffenen Blitz seiner Gläser, schwarzlackiertem Tubus und edelstahlglitzernden Stellschrauben aus dem Regal stieg. In seiner hundertfachen Vergrößerung, erfuhr ich, würde ich nicht die natürlichen Farben erblicken, sondern solche, die der gebündelte Lichtstrahl des Instruments, um ein Vielfaches mächtiger als das normale, gestreute Licht, durch seine Brechung in den Kristallgittern erzeugen würde.

Inmitten der vertrauten Gegenstände auf dem Tisch, wo das Licht des Nachmittags auf Stiften, Papier und Büroklammern ruhte, schienen die Okulare des Geräts eine geheimnisvolle Unregel-mäßigkeit im Sehfeld hervorzurufen. Denn während sie selber einen Teil dieses Feldes bildeten, das sich in ihnen zu dem dicken, schläfrigen Blick der Linsen zusammenzog, versprachen sie doch zugleich, es zu durchstoßen und gleichsam hinter seinem Rücken, indem sie den Strahl des Auges spiegelverkehrt durch die Enge ihrer Schleuse zerrten, in ein verborgenes Universum zu führen. Plötzlich war der leichte Druck der Sichtblendekappen auf den Nasenflügeln nicht mehr zu fühlen, und im Zirkel des Glases tauchte kreisrund und schimmernd die Oberfläche eines unbekannten Planeten auf.

In diesem Moment schien mir, als hätte das Objektiv nicht nur den Sehstrahl verkehrt, um ihn umgedreht wieder zum Vorschein zu bringen, sondern die ganze Welt auf den Kopf gestellt. In unserer Aufmerksamkeit belegen ja Steine gewöhnlich einen bescheidenen Platz. Sie sind allzu massenhaft, träge und formlos; selbst die Naturphilosophen betrachten sie mit Herablassung. Im 337. Paragraphen seiner Enzyklopädie des Geistes führt Hegel aus,

»Die Erde ist ein Ganzes, das System des Lebens, aber als Kristall wie ein Knochengerüst, das als tot angesehen werden kann.«

Jetzt aber hatte sich unverhofft der graue, unscheinbare Splitter eines Steins, eines Brixener Muskowit-Phyllits, wie mir Andreas Wenzel erklärte, in die elektrisch sprühenden Regenbögen eines anderen Himmelskörpers verwandelt. Und mit einem leichten Schwindel wurde mir klar, dass ich nur einen ersten Blick in ein unermessliches Universum in nuce geworfen hatte, einen neuen Himmel, der sich aufgetan hatte, um hinter der vertrauten Welt des Alltags seine funkelnden, unzähligen Planetensysteme auszubreiten.

Wie der Schliff eines Diamanten entsandte der winzige, pfauenbunte Wandelstern vom Tisch des Mikroskops Miniaturen von Blitzen in allen Farben des Spektrums; in seiner übernatürlichen Intensität, einer Art strahlend gesteigerter Gegenwart ließ er an die Protokolle eines Baudelaire oder Huxley denken, die von den Halluzinationen des Meskalins und des Opiums berichten. Und über diesem Wunderland schwebte, kaum weniger wunderbar, das filigrane Skalengerüst eines Fadenkreuzes, das cartesische Koordinatensystem der Optik, das die Mikrometerteilung trug und das den Blick des Wissenschaftlers wie ein im Bernstein eingeschlossenes Fossil für immer im leuchtenden Kristall der Linse zu bewahren schien.

Auf den Fotografien ist die Maßeinteilung allerdings nicht zu finden, so wie das Auge sich selber nicht sehen kann. Doch ist der methodische Blick des Wissenschaftlers allgegenwärtig: Die Nummer, die jedem Bild beigegeben ist, verweist auf das Register des Katalogs, dem Sie die exakte geologische Beschreibung des Gesteins oder Minerals entnehmen können.

Aber wenn diese Ausstellung auch geprägt ist von den Methoden, Themen und Gegenständen der Geologie, hat man doch ebenso sehr das Empfinden, in Andreas Wenzels Fotografien dem Blick eines Künstlers zu begegnen. Seine Bilder erschöpfen sich nicht in der wissenschaftlichen Doku-mentation; auf frappierende Weise ähneln sie den Werken der ungegenständlichen Malerei. Die geheimnisvollen Schriftspuren, die Cy Twomblys Leinwände übersäen, kehren wieder in den Lettern des Schriftgranits von Belcastro, die an den eckigen Duktus der arabischen Kufi ge-mahnen; mit den gestrichelten, emsigen Labyrinthen seiner Textur ruft der Phyllit von Sankt Leonhard die Arbeiten Jackson Pollocks in Erinnerung, und die von innen leuchtenden geometri-schen Gestaltungen des Muskowits scheinen die Visionen eines Kandinskys zu zitieren.

Lange genug, sehr verehrte Damen und Herren, habe ich Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Ich möchte nun mit Pascal vor den Werken der Natur wie vor denen der Kunst verstummen und Ihnen allen zum Schluss die Freuden des Entdeckers wünschen, wenn Sie jetzt durch das Rathaus wandern, um Andreas Wenzel auf seiner Reise ins Innere der Kristalle zu folgen.

© Jürgen Buchmann, November 2007

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Pressestimmen

Neue Westfälische, Ausgabe Spenge vom 21. Jan. 2008 PDF (440 kb)

 

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